SYMPTOMATISCHE
GESICHTSSCHMERZEN
symptomatische Gesichtschmerzen
Zunächst eine gute Nachricht für alle Schmerzpatienten
Sozialgericht stärkt die Rechte von Schmerzpatienten. Danach hat ein Schmerzpatient das Recht in einer schmerztherapeutischen Klinik behandelt zu werden, er muß also nicht irgendeine der sonst üblicherweise angebotenen Rehabilitationen akzeptieren sondern kann unter Hinweis auf das Urteil gleich Widerspruch einlegen. Hier gelangen Sie zu dem Urteil (dieses gilt sinngemäß natürlich nicht nur für die Rentenversicherungen sondern auch für Krankenkassen), das mittlerweile rechtskräftig ist. Pressemitteilung dazu: http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=051207009&phrase=schmerzklinik
Modifizierter und aktualisierter Beitrag aus dem Buch "Ambulante und stationäre Therapie chronischer Schmerzen", herausgegeben von R. Le eser, ärztl. Dir. der Bad Mergen theimer Schmerzkliniken. Enke Verlag Stuttgart (Nov. 1995, 2. Auflage), ISBN 3-432-9932-1 * (Beurteilung im Deutschen Ärzteblatt, Heft 27, 5.7.1996: Ausgereiftes Handbuch der Schmerztherapie mit einem vorzüglichen pharmakologischen Überblick).
Der Begriff "symptomatische Gesichtsschmerzen" besagt, daß diese Beschwerden auf eine bekannte Ursache bzw. Diagnose zurückzuführen sind. Das Gegenteil sind "pri märe" oder id iopathische Gesichtsschmerzen", dabei handelt es sich um eine Eigenerkrankung, die Schmerzen treten hier also nicht als Symptom (= Krankheitszeichen) einer bestimmten (anderen) Erkrankung auf.
Üblicherweise wird ja das Wort "Gesichtsschmerzen"
mit zwei s geschrieben. Wer in die Suchmaschinen des Internets den Begriff nur
mit einem s eingibt (Gesichtschmerzen) wird feststellen, daß auch diese
Schreibweise verwendet wird.
Die einzelnen Erkrankungen, bei denen (auch) Gesichtsschmerzen auftreten:
Chronische,
symptomatische Gesichtsschmerzen mit intrakranieller
(= innerhalb des Schädels
liegender) Ursache:
Nach Thoden (1987) sind 5% aller paroxysmalen Schmerzen im
Trigeminus-Bereich auf einen
Tumor, hauptsächlich im Bereich der Felsenbeinspitze zurückzuführen. Aber
auch ein Kleinhirnbrückenwinkeltumor oder ein Aneurysma
(= umschriebene, krankhafte
Wandausbuchtung eines Blutgefäßes)
der A. carotis interna
(= innere Halsschlagader)
im infraklinoidalen Bereich
(= im oberen Verlauf)
kann eine
idiopathische
Trigeminusneuralgie auslösen. Darüber hinaus ist bekannt, daß
ständiger mechanischer Druck auf die Trigeminuswurzel, z.B. durch eine
Gefäßschlinge, paroxysmale
Schmerz
en
(=
Schmerzattacken)
auslösen kann, aber nicht muß, denn bei Obduktionen
(= Leichenschau)
wurden entsprechende Befunde erhoben,
ohne daß die Patienten zu Lebzeiten an einer
Trigeminus-Neuralgie
gelitten hätten.
Die Therapie bei diesen
Gesichtsschmerzen (symptomatische) richtet sich logischerweise nach
dem Grundleiden. Bei
Wurzelkompression
bzw.
Nervenwurzelkompression
durch ein Blutgefäß ist die Operationsmethode nach Janetta (1967) meist
erfolgreich. Präoperativ ist die Diagnose einer gefäßbedingten Wurzelkompression
durch NMR (=
Magnetresonanz) -Tomographie
möglich. Bei persistierenden
(= bleibenden)
Beschwerden ist das Mittel der Wahl wieder Carbamazepin oder Gabapentin bzw.
Pregabalin.
Selten tritt ein atypischer
Gesich
tsschm
erz,
also länger anhaltende Schmerzzustände bis hin zu
Dauerschmerz, nach
einem apoplektischen
Insult
(=
Schlaganfall) auf. Daß es sich
dabei nicht unbedingt um einen
Thalamusschmerz handeln muß, beweist die Tatsache, daß teilweise die
Schmerz
en auf eine Behandlung mit
Lokalanästhetika
(=
örtliche Betäubungsmittel)
ansprechen. Die Wirkung von
Antikonvulsiva (=
krampflösende Mittel) ist insgesamt
unbefriedigend.
Chronische, symptomatische
Gesichtsschmerzen mit extrakranieller
(= außerhalb
des Schädels liegender)
Ursache:
Eine Vielzahl möglicher Ursachen kann zu diesen
Gesichtschmerzen (symptomatische)
führen: traumatische
(= verletzungsbedingte)
und entzündliche Prozesse, Affektionen
(= Erkrankungen)
im Bereich der
Nasennebenhöhlen,
Zahn
- und
Kiefer
affektionen, Fehlfunktionen der
Kiefergelenk
e, aber auch Affektionen in der
Augenhöhle (z.B. Glaukom). Das Schmerzbild entspricht in der Regel einem
atyp
ischen
Gesich
tssch
merz.
Pri
mär muß die Ursache therapiert werden, dennoch
persistiert häufig ein
Gesich
tssch
merz,
so daß dann die Therapiemaßnahmen wie zur Behandlung des pri
mären atypischen
Gesichtsschmerz
es versucht werden können.
Fehlfunktionen des
Kiefergelenk
es werden zu häufig als Ursachen von
Schmerzen im
Temporalbereich (=
Schläfe)
und im lateralen
Oberkiefer
diagnostiziert. Die veraltete Bezeichnung "Costen-Syndrom"
wird zunehmend durch den Begriff "Myofaziale
Dysfunktion" ersetzt. Häufig kauen die Patienten nur einseitig. Oft
finden sich bei der Auskultation
(= Abhorchen)
beider
Kiefergelenke
unterschiedliche Okklusionsgeräusche
(= Verschlußgeräusche).
Die
Kiefer
orthopäden verordnen häufig
Aufbißschienen.
Schmerztherapeutisch bewährt hat sich die wiederholte Infiltration der Kau
muskulatur
mit einem lang wirkenden
Lokalanästhetikum
(=
örtliches Betäubungsmittel),
ebenso die Infiltration der korrespondierenden
Nerven
austrittpunkte im
Gesicht
sbereich. Vor allem in Hinblick auf ein
mögliches Rezidiv
(= Rückfall)
ist EMG-Biofeedback
(=
Registrierung und Rückmeldung elektrischer Signale aus der
Muskulatur)
zu empfehlen.
Gesichtsschmerzen bei systemischen Erkrankungen:
Bei ca. 8-15% aller Patienten mit
multipler Sklerose tritt im Verlauf der Erkrankung ein
Gesich
tssch
merz
auf, der wie eine idiopat
hische
Trigeminusneuralgie
imponiert.
Zur Therapie ist zunächst Carbamazepin (oder Gabapentin bzw. Pregabalin) das
Mittel der Wahl. Nach unserer Erfahrung sprechen diese paroxysmalen
(= anfallsartigen)
Trigeminusschmerzen
auch sehr gut auf die Behandlung mit Lokalanästhetika an.
Seltener treten Gesichtsschmerzen (symptomatische) im Rahmen einer
Polyneuropathie (Diabetes mellitus, alkoholtoxisch) auf. In der Regel
imponieren die Beschwerden wie beim atypischen
Gesich
tssch
merz.
Meist ist mit Lokalanästhetika ein zufriedenstellendes Behandlungsergebnis zu
erzielen.
Entzündlich bedingte, chronische Gesichtsschmerzen
Schmerzzustände nach
Herpes zoster (Gürtelrose):
Die so genannte
postherpetische Neuralgie
oder
postzosterische Neuralgie (PZN) kann im Bereich aller 3
Trigeminusäste auftreten und einen
Gesich
tssch
merz
verursachen, bevorzugt jedoch im 1.
Ast.
Die Patienten klagen in der Regel über einen stechenden, brennenden und
bohrenden
Dauerschmerz mit
unterschiedlicher Intensität im Tagesverlauf. Meist bestehen im betroffenen
Nervenbereich
Hypästhesien- und
Dysästhesien
(= verminderte und
schmerzhafte Empfindungen).
Fast regelmäßig finden sich die typischen narbigen Abheilungen.
Weitere
Herpes zoster-Erkrankung
en im
Kopf
/
Gesichtsbereich:
Zoster ophthalmicus
und
Zoster oticus.
Die Therapie ist wie auch bei einer
Zoster-Neuralgie in
anderen Körperbereichen schwierig. Ein Therapieversuch mit den Antikonvulsiva
(= krampflösende
Mitteln)Gabapentin (z.B. Neurontin®)
oder Pregabalin (Lyrica®)
ist oft erfolgreich. Hilfreich ist auch, wie beim atypischen
Gesich
tssch
merz,
die Verordnung von
Antidepressiva zur
Schmerzdistanzierung, evtl. in Kombination mit Levomepromazin (Neurocil®).
Die beste therapeutische Wirksamkeit haben wir bei diesen
Gesichtsschmerzen
mit der Anwendung lang wirkender Lokalanästhetika (z.B. Bupivacain)
(= örtliches
Betäubungsmittel) gesehen. Die
Therapie entspricht der des atypischen Gesichtsschmerzes, wobei die flächenhafte
Infiltration intensiver erfolgt. Bei Befall des ersten Trigeminusastes hat sich
besonders die kontinuierliche Blockade des Nervus supraorbitalis am Foramen
supraorbitale mit Katheter bewährt. In manchen Fällen bringt die oberflächliche
Behandlung mit einem Lokalanästhetikum-Spray (z.B.
Xylocain® 2%) oder mit ASS in Äther gelöst vorübergehend eine
zufriedenstellende Schmerzlinderung. Diese Methode hat den Vorteil, daß der
Patient sie auch zu Hause selbst anwenden kann, unter Beachtung der
Höchstdosierung.
Hilfreich kann auch eine oberflächliche Kältebehandlung mit einem trockenen,
kalten Luftstrom sein (z.B. Kondensationsdampf aus flüssigem Stickstoff oder
elektrisches Kälteaggregat). Auch die
Intermed
ius-Neuralgie
kann durch eine
Zoster-Infektion des Gangl
ion geniculi hervorgerufen werden. Im
Gegensatz zu Gesichtsschmerzen nach
Gürtelrose
trifft diese
Schmerzerkrankung
vorwiegend Jüngere.
Bei der
Intermediusneuralgie
nach
Herpes zoster
scheint der paroxysmale
(= attackenförmige)
Schmerzcharakter abgeschwächt zu sein, zugunsten länger anhaltender, eher
atypischen Gesich
tsschmerzepisoden.
Auriculotemporalis-Syndrom:
Der N. auriculotemporalis gelangt zwischen
Kiefergelenk und
Meatus acusticus unter die Parotis
(=
Ohr
speicheldrüse),
wo er sich aufzweigt. Das Schmerzbild ist charakterisiert durch anfallsartig
auftretende
brennende Schmerzen
prä- und periaurikulär
(= vor und um das
Ohr
herum) und vor allem an der
Schläfe.
Der Patient verspürt im betroffenen
Gesichtsbereich
ein Wärme- oder Spannungsgefühl. Diagnostisch richtungsweisend ist eine
Hautrötung und Hyperhidrose
(= vermehrtes Schwitzen)
im korrespondierenden Hautbereich. In
der Regel liegt anamnestisch
(= in der Vorgeschichte)
eine Parotiserkrankung
(= Erkrankung der
Ohrspeicheldrüse)
vor, meist entzündlicher Natur. Auch
Verletzungen der Parotis sollen zu diesen
Gesichtsschmerzen führen können
(Thoden 1987).
Zur Therapie eignen sich bei diesem
Gesichtsschmerz
besonders wiederholte Blockaden des Nervus mandibularis durch die Incisura
mandibulae (=
Einbuchtung des
Unterkiefer
s nahe am
Kiefergelenk)
hindurch (in der Fossa pterygopalatina;
der N. auriculotemporalis ist ein Ast des N. mandibularis und zweigt distal der
Fossa ab) sowie flächenhafte Infiltrationen im Ausbreitungsgebiet. In
hartnäckigen Fällen sind
Stellatumblockade
n
(= Blockaden einer
vegetativen Schaltstelle im seitlichen Halsbereich)
zu empfehlen. Ist das Schmerzbild mehr atypischer Natur (nicht ausgesprochen
attackenförmig), können auch schmerzdistanzierende
Antidepressiva
versucht werden.